Konfetti, Caipirinha und lange Schlangen am Faxgerät

Wolfgang Schiffer über lange schlangen am Faxgerät
Wolfgang Schiffer über lange schlangen am Faxgerät

Es wurde in Redaktionen viel geraucht, diskutiert und gelacht. Erfahrungsberichte.

Moderne Redaktionen sind im Echtzeitstress: Technisch am Newsdesk perfekt ausgestattet als Koordinations- und Produktionszentrale. Der Newsroom ist heute in der Regel ein Großraumbüro, das architektonisch neue redaktionelle Konzepte des ressort- und medienübergreifenden Planens und Arbeitens unterstützt.

Der Umbau zur „medienkonvergenten Redaktion“, die alle Publikationsplattformen vereint, ist komplex und kann über unterschiedliche Modelle erfolgen. In manchen Medienhäusern ist mit dem Newsdesk ein zentraler Arbeitsbereich gemeint, an dem ein Dutzend Redakteure verschiedener Ressorts gemeinsam produzieren und verschiedene Medien bedienen. Ein anderes Konzept sieht einen gemeinsamen Newsdesk für mehrere Lokalredaktionen vor wie bei der Mainpost und beim Südkurier. In anderen Redaktionen wurde ein großer gemeinsamer Newsroom für 30, 50 oder gar 100 Journalisten geschaffen. Die zeitlichen Freiräume werden enger, der persönliche Stress nimmt zu.

Was früher ehrfürchtig als ‚Agentur-Geschwindigkeit‘ galt, ist heutzutage der Normalzustand. Ende der 1970er Jahre war das noch ganz anders. Etwa beim Spiegel:

„Man hat am Montag seine Themen angeboten und intensiv darüber gesprochen. Mit dem Ressortleiter konnte ich mich sehr ausgiebig streiten, ohne nachteilige Auswirkungen befürchten zu müssen“, so der ehemalige Spiegel-Redakteur Walter Tauber.

Die Arbeit in der Zentralredaktion habe ihm Spaß gemacht.

„Wir hatten kleine Einzelbüros und ließen die Tür offen. Ein Kollege brüllte immer ‚Der Mensch’ und wir antworteten ‚…ist eine Sau.’ Ein deftiges und liebevolles Ritual. Wenn ich konzentriert schreiben musste, schloss ich die Tür und wurde von den Kollegen in Ruhe gelassen. Technisch waren wir sehr einfach ausgestattet. Olympia-Schreibmaschine, Papier und Telefon. Wenn ich den Artikel fertig hatte, wurde das im Sekretariat mit Durchschlägen abgeschrieben und vom Ressortleiter redigiert. Eine kleine Marotte hatte mein Chef. Wenn ich telefonierte, benutzte er die Gegensprech-Anlage, um mir mitzuteilen, dass ich in sein Büro kommen solle. Generell war die Atmosphäre sehr angenehm“, betont Tauber.

Redaktionsbüro mit Panoramablick

Noch angenehmer war es in seiner Zeit als Auslandskorrespondent in Brasilien.

„Ich mietete in Rio de Janeiro einen Büroraum in einer Villa, die auch von Newsweek, BBC und Los Angeles Times genutzt wurde. Ich hatte ein Panoramafenster mit einem wunderbaren Blick auf die Bucht von Guanabara. Traumhaft. Ab und zu ging ich mit den internationalen Kollegen zum Mittagessen. Wenn ich dann die zweite Runde Caipirinha bestellte, mussten die Vertreter von Newsweek und der Los Angeles Times passen. Sie könnten noch Arbeitsaufträge bekommen. Ich schaute auf die Uhr und sagte, in Hamburg sind schon alle im Feierabend. Die Zeitverschiebung kann bei Abstimmungsfragen lästig sein, in diesem Fall hatte sie auch Vorteile“, sagt Tauber.

Walter Tauber über seine Zeit als Spiegel-Korrespondent
Walter Tauber über seine Zeit als Spiegel-Korrespondent

Als Korrespondenten noch Erstquelle waren

Als Auslandskorrespondent hatte man 40 Jahren den Vorteil, als Erstquelle zu fungieren, wenn wichtige Nachrichten aufkamen.

„Wenn ich in der Zentralredaktion angerufen und eine Story angeboten habe, gab es nicht viele Vergleichsmöglichkeiten bei meinen Hamburger Ressortkollegen. Was ich sagte, hatte Gewicht. Heutzutage existieren direkt 1000 Onlinequellen, die bei den Kollegen in der Heimat zu einem gefestigten Meinungsbild beitragen. Man ist als Korrespondent nicht mehr der wichtigste Vermittler von Nachrichten“, erläutert Tauber.

Der frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer erinnert sich noch an die technologische Revolution bei der Einführung der Faxgeräte in seiner Redaktion in den 1980er Jahren:

„Nicht jeder hatte ein eigenes Faxgerät – nicht einmal jede Redaktion: ich erinnere langwierige Sitzungen, in denen geklärt werden sollte, wie viele Mitarbeiter sich ein Gerät teilen könnten.“

Weniger nervig war die Möglichkeit, nach Lust und Laune zu qualmen.

„Es wurde viel geraucht in den Redaktionsräumen. Allerdings hatte in meinem Arbeitsumfeld seinerzeit auch jeder Redakteur oder Dramaturg noch ein Zimmer für sich. Das mit dem Einzelzimmer ist für mich zum Glück bis zu meinem hauptberuflichen Ende so geblieben – so dass ich trotz eines späteren allgemeinen Rauchverbots im gesamten Gebäude in meinem Arbeitszimmer stets weiter geraucht habe“, so Schiffer.

Inspiration im Großraumbüro

Peggy Schmidt, seit 1995 Moderatorin bei Radio PSR in Leipzig, hat früher in einem Großraumbüro an der Delitzscher Straße gearbeitet.

„Da war alles etwas beengter. Aber seit dem Umzug in die Thomasgasse zum Jahreswechsel 2005/06 haben wir richtig viel Platz. Ringsum sind Fenster, die bis zum Boden gehen. Wir haben Licht, wir haben Luft. Da kann man auch mal für sich sein oder sich so unterhalten, dass es nicht alle mitbekommen. Aber grundsätzliche finde ich es praktisch, in einem Großraumbüro zu arbeiten.“

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Wenn man im kreativen Bereich tätig ist, findet sie den Austausch mit Kollegen wichtig.

„Und auch lustig, wir sind hier ein cooles Team, da setzt immer gern jemand noch einen oben drauf. Aber es gibt auch Phasen, in denen man merkt, die Kollegen sind jetzt alle konzentriert, da ist keine Zeit für Konfetti. Manche setzen sich dann Kopfhörer auf. Das machen wir aber auch zum Schneiden. Dafür müssen wir nicht mehr an einen extra Schnittplatz“, sagt Schmidt.

Heute könne jeder an seinem eigenen Platz schneiden.

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