Startup-Trends 2017: Bass-Feeling im Berghain und mausetote Medien-Startups

Gründerszene-Chefredakteur Frank Schmiechen
Gründerszene-Chefredakteur Frank Schmiechen

Fintechs, E-Commerce und Hardware dominieren den Gründermarkt. Interessante Medienprojekte muss man mit der Lupe suchen.

Rund 80 Prozent der Unternehmensgründungen scheitern, weil viele Startup-Akteure zu sehr den klassischen Unternehmer spielen wollen, so die Erfahrungen von Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship. Traditionell bekomme man als Gründer den Rat, ein komplettes Unternehmen zu planen mit Rechnungswesen, Controlling, Fragen des Gesellschaftsrechts, Finanzen, Gebäude und Mitarbeitern.

„Das schreckt viele ab, die mehr aus der kreativen Ecke kommen und kulturelle Ideen haben“, so Faltin.

Zu schnell geraten Enthusiasten für eine neue Geschäftsidee in den Konflikt mit klassischen Aufgaben des Managements: Ordnung halten, Routinen konzipieren und Menschen kontrollieren. Besonders prekär sieht es nach Auffassung von The European-Gründer Alexander Görlach auf dem Medienmarkt aus. Investments in Medien-Startups in Deutschland seien mausetot.

„Es gibt wenig Begeisterung für Medien und wenig Begeisterung für Formate. Vor allem nicht, wenn es um neue Ideen geht. Sicherlich gibt es die innerhalb der verschiedenen Redaktionen, aber es gibt keine übergeordnete unternehmerische Lust oder Freude an dem Thema“, so Görlach im Interview mit Gründerszene.

The European-Gründer Alexander Görlach
The European-Gründer Alexander Görlach

In den USA sei man im Datenjournalismus, beim Video-Content und bei mobilen Technologien weiter. Das US-Onlinemagazin Mic habe zum Beispiel in wenigen Jahren 30 Millionen US-Dollar eingesammelt und kommt auf über 100 Mitarbeiter. Und das alles mit einem einzeiligen Pitch: So genannte Millennials konsumieren Inhalte anders – über Snapchat und Livevideos.

„Die Darreichungsform ist dort schon Teil der journalistischen Praxis. In Deutschland könnte man solche Summen nicht einsammeln. Auch keine drei Millionen“, meint Görlach, der mittlerweile bei The European ausgestiegen ist und vorerst keine weiteren Mediengründungen plant.

Wie schwierig sich neue Unternehmen im Mediensektor entwickeln, belegt der Beitrag von Rico Grimm, der in der journalist-Ausgabe im Januar 2014 vier internationale Startups vorstellte, „die man kennen muss“. Etwa Worldcrunch.com.

Die Plattform will einem vornehmlich amerikanischen Publikum ungefiltert darstellen, was die Menschen außerhalb Amerikas denken und was sie bewegt. Dazu übersetzen die Betreiber Texte aus verschiedenen Zeitungen, die international relevant sind. Schaut man sich die Nabelschau-Stimmung in den USA an, ist Worldcrunch eine sinnvolle Idee, die sich aber nicht so richtig durchsetzt.

Ähnlich sieht es mit dem Onlinedient Quartz aus. Was Wired für die Technologieszene der 1990er war, sollte Quartz für die „globale“ Wirtschaftselite in unserer Dekade sein. Problem: Die globale Wirtschaftselite ist als Zielgruppe wohl eher ein Mythos.

Schwierig ist auch das Unterfangen von JacobinMag.com – ein sozialistisches Magazin für Amerika. Nukleus der Macher ist vor allem die Occupy-Bewegung und die Aktivistenszene gegen die Auswüchse des Neoliberalismus. Auf Facebook kommt das Magazin auf 200.000 Fans. Den politischen Diskurs bestimmen derzeitig rechtspopulistische Nachrichtenportale wie Breitbart.com.

Die vierte Startup-Idee, die vor zwei Jahren vorgestellt wurde, ist NextDraft.com. Nutzer erhalten einen Newsletter, der das Nachrichtengeschehen eines Tages knapp zusammenfasst. Ein netter Service, aber keine Medienrevolution, wie es der Gründer Dave Pell skizzierte:

„Journalismus ist der erste Entwurf der Geschichtsschreibung, NextDraft ist der zweite Entwurf.“

So etwas nennt sich dann wohl Growth Hacking-Semantik.

Frank Schmiechen, Chefredakteur von Gruenderszene.de ist für das Jahr 2017 weitaus vorsichtiger in seinen Vorhersagen: „

Man kann das nur schwer auf einzelne Startups zuspitzen. Bei Fintechs wird einiges passieren, weil selbst in Deutschland gelernt wird, dass es etwas anderes gibt als Bargeld und Banken. Dann gibt es unsere Helden im E-Commerce, die immer weiter wachsen. Etwa Lesara Online Shop (Lesara.de), so eine Art Primark im Netz.“

In Sachen Hardware werde einiges kommen, beispielsweise vom Berliner Unternehmen Lofelt. Es hat das Produkt Basslet entwickelt, eine Kombination aus Subwoofer und Armband, das die Schwingungen des Bassbereichs direkt auf die Haut des Hörers überträgt.

„Das fühlt sich wie im Techno-Club Berghain an. Man spürt den Bass“, sagt Schmiechen im journalist.de-Gespräch.

Das Basslet-Projekt wurde in diesem Jahr mit knapp 600.000 Euro über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert und erreichte damit das Achtfache der gewünschten Finanzierungssumme.

Was Schmiechen sehr gut gefällt, ist die Nahverkehrs-App Ally (www.allyapp.com).

„Die bringt mich schnell von einem Ort zum anderen mit allen notwendigen Informationen und Preisangaben. Von der U-Bahnverbindung bis zum Miet-Fahrrad. Dieser Dienst wird global durch die Decke gehen.“

Mediengründungen fehlen auf seiner Liste und sind wohl ein Beleg für die skeptische Analyse von Alexander Görlach.

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