4,5 Millionen Zettel über Sitten und Gebräuche – Ein Bonner Schatz, den man digitalisieren sollte #StorydesMonats

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Der Niederländische Autor J.J. Voskuil hat nicht nur jahrzehntelang als wissenschaftlicher Beamter in einem Institut für Volkskunde gearbeitet. Er hat darüber sogar ein siebenteiliges Roman-Monument geschaffen: Het Bureau.

„Was J.J. Voskuil alias Maarten Koning zumeist in staubtrockenen Dialogen über die ‚Sinnlosigkeit‘ seiner Arbeit zu erzählen weiß, über ergebnislose Sitzungen, nutzlose Dienstreisen und ebensolche internationalen Kongresse, über eher ziellose Forschungsvorhaben wie das Erstellen eines ‚Atlas der Volkskultur‘ oder die Dokumentation der Varianten des „Umgangs mit der Nachgeburt des Pferdes“, über das (pseudo)wissenschaftliche Geplänkel mit seinen Mitarbeitern und das ebenfalls von aberwitziger Logik geprägte mit seiner Ehefrau usw., das hat in den Niederlanden eine anhaltende Woge der Begeisterung ausgelöst“, schreibt Wolfgang Schiffer in seinem Blog.

Matthias Stolz berichtet im Zeitmagazin von einem ähnlichen Projekt in Deutschland, das allerdings noch nicht den Weg in die Literatur gefunden hat – aber wissenschaftlich ist das eine Sensation:

Was in Bonn (!) lagere, sind die Relikte eines Mammutprojektes, das die Deutschen vergessen haben: des Atlas der deutschen Volkskunde.

„In den Kartons lagern etwa viereinhalb Millionen Kärtchen, die meisten ungefähr DIN-A6-groß. Sie sind das Ergebnis der wohl größten volkskundlichen Befragung, die die Welt je gesehen hat. Es war der Versuch, die Sitten und Gebräuche der Deutschen zu vermessen. Es ist ein riesiges Zettelarchiv, aus dem man nicht nur viel über die Welt damals lernen kann, sondern auch darüber, was sich alles bis heute verändert hat. Etwa, was unsere so selbstverständlich erscheinenden Gewohnheiten angeht, wie Kaffee zu trinken oder oder Weihnachten zu feiern“, so Stolz.

Wissenschaftler Friedemann Schmoll hat das Archiv mit seinem Opus „Die Vermessung der Kultur“ wieder zum Leben erweckt.

„Seit er sein Buch geschrieben hat, ist Schmoll der größte Fürsprecher des Atlas. Seit 2012 rief er ein paar Mal Kollegen zusammen, um zu beraten, wie der Atlas wieder aufleben könnte. Um die 4,5 Millionen Zettel zu digitalisieren und auszuwerten, brauchten sie wohl fünf oder sechs Millionen Euro. So viel Geld hat in diesem kleinen Fach schon ewig niemand mehr. Wenn sie wenigstens eine halbe Million hätten, sagt Schmoll, um die Karteikarten zu digitalisieren: ein Foto von jedem der viereinhalb Millionen Kärtchen“, schreibt Stolz.

Werde Schmoll es noch erleben, dass der Schatz gehoben wird, dass die 4,5 Millionen Zettel in dem Bonner Keller alle gerettet werden? Wir nominieren den Beitrag von Matthias Stolz für die #Story des Monats und hoffen, dass man in Bonn und darüber hinaus so klug ist, die nötige Finanzierung aufzubringen, um ein schönes Big Data-Unterfangen anzustoßen.

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